KölnSkulptur #10 · 2020–2023
ÜberNatur – Natural Takeover
Kurator: Tobias Berger
Der Skulpturenpark Köln ist ein besonderer Ausstellungspark, an dem die einstmals von Michael und Eleonore Stoffel zusammengetragene Sammlung gemeinsam mit Leihgaben vergangener KölnSkulptur-Ausgaben präsentiert wird.
Alle zwei Jahre ergänzen wechselnde Kurator:innen den Parkbestand um neue Arbeiten, die zum Großteil speziell für die Ausstellung konzipiert werden. Der Skulpturenpark Köln ist ein interessanter Hybrid aus Dauer- und temporärer Gruppenausstellung. ÜberNatur – Natural Takeover ist die inzwischen 10. Ausgabe der KölnSkulptur. Inspiriert von der Lage des öffentlichen Parks zwischen Rhein, Kölner Zoo, Flora und Botanischem Garten wurden diesmal Arbeiten in Auftrag gegeben, die sich mit dem Thema Natur auseinandersetzen und auf diese Weise mit ihrer Umgebung korrespondieren.

Lois Weinbergers Spur (2015) kann als Fundament für die diesjährige Ausstellung betrachtet werden. Bei der für die KölnSkulptur #8 in Auftrag gegebenen Arbeit handelt es sich um eine sechzig Meter lange, durch den Park geschlagene Schneise, in der nach und nach ein Ökosystem aus (Unkraut-)Pflanzen und Tieren entstanden ist. Die Schneise ist ein Einschnitt in die Parklandschaft und fragt nach den Bezügen zwischen artifizieller Planung und natürlicher Pflanzung. Das Oszillieren zwischen „Natürlichkeit“ und „Künstlichkeit“ und die Infragestellung dieser gegensätzlichen, ohnehin vagen und wechselhaften Begriffe bildete den Ausgangspunkt für Überlegungen darüber, welche Kunstwerke für die KölnSkulptur #10 ausgeliehen oder in Auftrag gegeben werden sollten. Die aktuelle Ausgabe betont den „Park“ im „Skulpturenpark“ sowohl als konkrete Örtlichkeit, als auch im Hinblick auf die wachsende Sorge um den Platz des Menschen in einem größeren ökologischen Kontext, in dem Menschen, Tiere und Pflanzen in mannigfachen Zusammenhängen und vor dem Hintergrund der Umwelt- beziehungsweise Klimakrise koexistieren.
KölnSkulptur #10 öffnet inmitten einer verheerenden globalen Pandemie, die durch den seltenen Übersprung eines Virus von einem Tier auf den Menschen ausgelöst wurde. Durch die immer stärkere Vernetzung der Welt konnte sich das Virus millionenfach verbreiten. Die „neue Normalität“, mit der wir durch die Pandemie konfrontiert sind, lässt uns die Welt mit anderen Augen betrachten. Kunst und Kunstausstellungen sind davon nicht ausgenommen. Es kommt jetzt darauf an, das gesellschaftliche Bewusstsein für die globalen Folgen des wirtschaftlichen Wachstumsstrebens und dessen Auswirkungen auf die Umwelt zu schärfen. Gleichzeitig geht es darum, sich wieder auf die visionäre Kraft der Kunst und ihre Fähigkeit zu besinnen, Neues zu denken und neue Sinn-Formen zu erschließen, vor allem solche, die von Logiken der Nützlichkeit und Effizienz unberührt sind.
ÜberNatur – Natural Takeover hinterfragt die Monumentalität von Außenskulpturen. Die Ausstellung changiert zwischen klein- und großformatigen Exponaten. Bei der kleinsten Arbeit von Ayşe Erkmen handelt es sich um eine Nachbildung der letzten hawaiianischen Baumschnecke, die Lonely George genannt wurde und 2019 starb, nachdem Wissenschaftler:innen vierzehn Jahre lang erfolglos versucht hatten, eine Partnerin für den Gastropoden zu finden. Bei der größten Arbeit von Dane Mitchell handelt es sich um zwei künstliche Bäume, die zur Tarnung von Funkmasten und Überwachungstechnologien in China massenproduziert werden. Sie wurden von der letztjährigen Biennale in Venedig, wo sie als Beitrag des Neuseeländischen Pavillons zu sehen waren, nach Köln gebracht.
Neben diesen beiden Arbeiten können Besucher:innen fünf weitere Werke erleben, die grundlegende Fragen der Geburt, des Entstehens, des Wachstums und des Verfalls berühren. Dabei werden verschiedene Stränge unterschiedlicher Ebenen miteinander verwoben, um vielfältige Verbindungen zu schaffen.
Im Zentrum der „neuen Normalität“ steht das Bedürfnis zu kommunizieren, verstanden zu werden und zu verhandeln. Mary Bauermeisters Skulptur Rübezahl kann als Mittelangesehen werden. Die Arbeit bietet den Besucher:innen einen Ort zum Nachdenken und Sichversenken und öffnet einen Raum, an dem die Natur übernimmt.
Tobias Berger
Kurator der Ausstellung KölnSkulptur #10
Neue Positionen in dieser Ausstellung
| Mary Bauermeister | Rübezahl, 2020 |
| John Bock | Schlupf, 2020 |
| Leelee Chan | Blindfold Receptor (Gulf Frit. Orange), 2020 |
| Ayşe Erkmen | Lonesome George, 2020 |
| Dane Mitchell | Post hoc, 2019/2020 |
| Katja Novitskova | Approximation (corn snakes hatching), 2017 |
| Guan Xiao | Old Eggs and the Catcher, 2020 |
| Trevor Yeung | Two Reliers, 2020 |
Bestandspositionen aus vorhergehenden Ausstellungen:
| Tom Burr | No Access: cluster one (B, D, E, I, M), 2015/2017 |
| James Lee Byars | Untitled (Sigmund Freud), 1989 |
| Nina Canell | Power (Powerless), 2013 |
| Edith Dekyndt | The Fences, 2015 |
| Bogomir Ecker | Ohr, 1986 |
| Fischli/Weiss | Garten, 1997/1999 |
| Sou Fujimoto | Garden Gallery, 2011 |
| Dan Graham | Greek Cross Labyrinth, 2001 |
| Lena Henke | The Doors, 2013 |
| Jenny Holzer | Ambition is just …, 1997 |
| Leiko Ikemura | Katzenmädchen mit rhein-Blick, 1999 |
| Anish Kapoor | Untitled, 1997 |
| Stefan Kern | Ohne Titel (Tribüne), 1996 |
| Hubert Kiecol | Rheinwein, 2011 |
| Per Kirkeby | Læsø-Kopf II, 1983 |
| Klara Lidén | Harvest Moon, 2013 |
| Jorge Pardo | Tomatensuppe, 1997 |
| Mandla Reuter | Der Park, 2011 |
| Ulrich Rückriem | Ohne Titel, 2001 Granit, schwarz, Schweden, gespalten, geschnitten, geschliffen, 1986 |
| Michael Sailstorfer | Hoher Besuch – Köln, 2009 |
| Karin Sander | Paradise 231, 2013/2015 |
| Thomas Schütte | Weinende Frau, 2011 |
| Joel Shapiro | Untitled, 1996/1999 |
| Andreas Slominski | Der Parkplatz, 2007 |
| Mauro Staccioli | Untitled, 1999 |
| Mark di Suvero | Racine du Naos, 1996 |
| Rosemarie Trockel | L’Arc de Triomphe (Der armselige Baum/Die Zuwenignis), 2006 |
| Simon Ungers | Monolith, 1999 |
| Bernar Venet | Four Arcs of 235,5°, 1999 |
| Bernard Voïta | Green Memories, 2011 |
| Paul Wallach | Ring-Around, 1999 |
| Lois Weinberger | Spur, 2015 |
| Martin Willing | Quadratschichtung, zweiachsig, wachsend, 1999/2000 |
| Heimo Zobernig | Spartakus Catering, 1998/2001 |
