KölnSkulptur #11 · 2024–2026
Body Manoeuvres
Kuratorin: Nikola Dietrich
Gärten oder Parkanlagen wie der Skulpturenpark Köln sind sorgfältig organisierte Ausschnitte der Natur, in denen Formen, Rhythmen und Farben durch Elemente wie Bäume, Sträucher, Steine und Rasenflächen ein harmonisches und doch kontrastreiches Ganzes bilden, das stilistische Variationen schafft. Die Besucher:innen werden auf Wegen geleitet und erleben einen ausgewogenen, detailreichen Ort, der sich über Zeit und Raum entfaltet. Nuancen wechselnder Stimmungen werden je nach Jahreszeit durch das Zusammenspiel von Licht und Schatten eingefangen.
Dies bildet, zusammen mit den dauerhaft im Park installierten Skulpturen und Architekturen, die sich über die Jahre zu einem Ganzen zusammengefügt haben, den Hintergrund für die 11. Ausgabe von KölnSkulptur, die sich im Spannungsfeld zwischen Monumentalem und Ephemerem positioniert. Dabei werden wichtige Entwicklungen der zeitgenössischen Kunst in den Blick genommen. Global relevante Themen wie die technologische Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz, die Auswirkungen des Klimawandels, die gegenwärtigen Herausforderungen, vor die sich demokratische Institutionen zunehmend gestellt sehen, oder das Aufkommen neuer Ökonomien begegnen uns in den Werken acht zeitgenössischer Künstler:innen, die eigens für die aktuelle Ausgabe von KölnSkulptur entstanden sind. Auf unterschiedliche Weise reflektieren und formulieren sie Ansätze zu Vorstellungen von Kunst, Natur und Zukunft in einer Zeit globaler Unsicherheiten und Krisen.

Das urbane Umfeld erweist sich dabei als naheliegender Ausgangspunkt für künstlerische Arbeitsprozesse. Es wird als Ort sozialer Interaktion wahrgenommen, an dem sich Menschen, Zeit und die besonderen Merkmale des Ortes auf fundamentale Weise mit der Erfahrung von Skulpturen im Freien verbinden. Hier, wo Umwelteinflüsse für jeden Einzelnen unmittelbar erfahrbar sind – spürbarer als etwa in geschlossenen, geschützten Räumen wie dem Museum –, wird das Einwirken verschiedener natürlicher, kultureller und gesellschaftlicher Einflüsse auf unsere Körper zum übergreifenden Thema der Ausstellung.
Die eingeladenen Künstler:innen richten ihren Blick nach außen, um uns durch ihre Objekte und Vorschläge zu Erfahrungen einzuladen, in denen sie die Kunst als eine Art lebendigen Nährboden für das Experimentieren mit Grenzen nutzen, auf dem auch die Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit eines jeden Organismus sichtbar wird. Ihre Arbeiten beruhen auf der Einsicht, dass die menschliche Welt, wie wir sie kennen, durch Wissenschaft und Technologie grundlegend verändert wird. Dies wiederum beeinflusst, was es bedeutet, Mensch zu sein, und wie die Bedingungen eines Körpers im Kontext des menschlichen Kapitals aussehen könnten. Ihre Werke reflektieren Transformationen innerhalb kultureller Narrative, insbesondere wie Prozesse der Geschichte und das individuelle Erinnern den Körper und das kollektive Gedächtnis prägen.
Der Körper ist also nicht allein in seiner biologischen Evidenz zu betrachten, sondern verweist als zentrales „Organ“ der Gesellschaft sowohl auf Natürlichkeit als auch auf Künstlichkeit, und trägt zugleich einen fiktionalen Charakter: als Abstraktion verschiedener gesellschaftlicher Narrative und Realitäten. Viele der Skulpturen erweitern die konventionelle Definition ihres Mediums als eine feste, dauerhafte Form und Präsenz in Raum und Zeit, indem sie über den üblichen Standard eines in sich geschlossenen Körpers hinausgehen und bisweilen ungewöhnliche Materialien einbeziehen. Sie reichen von subtilen bis zu kolossalen Formen, vom verstreuten bis zum monolithischen Gestalten, von performativen Hybridformen bis hin zum Medium des Films.
In den meisten Fällen werden die örtlichen Gegebenheiten miteinbezogen, wie beispielsweise in Insides von Marte Eknæs. Hier wird ein Einblick in ein System gewährt, das in den vorgegebenen Rahmen einer bestehenden Grube im Skulpturenpark integriert ist. Mit recycelten Baumaterialien wird eine Art offener Bauch samt seiner spezifischen Organe nachgebildet und zugleich als Kontinuum einer städtischen Infrastruktur imaginiert, die ansonsten verborgen ist. Peter Wächtler reagiert auf die bildhauerischen Darstellungen, die im näheren Umfeld vor allem an (etwas trostlosen) Plätzen vor öffentlichen Gebäuden zu finden sind, mit einer Bronze-Skulptur, die sich zwischen Figuration und entkörperlichter Abstraktion positioniert. Sie reibt sich an Körperbildern, die das politische, gesellschaftliche und soziale Leben vergangener Epochen widerspiegeln, wobei unklar bleibt, welche Richtung angesichts der bevorstehenden Veränderungen eingeschlagen wird: hin zu einer Flucht oder einer erstarrenden Lähmung.
Neben diesen Arbeiten werden in der Ausstellung neue Werke der Künstler:innen Olga Balema, Julian Göthe, Judith Hopf, Paulina Olowska, Georgia Sagri und Frances Scholz präsentiert, die den Versuch unternehmen, in der Materialität ihrer Arbeiten den Körper zu finden und diesen als Mittel zur Verhandlung der individuellen Position in Beziehung zur umgebenden Landschaft zu materialisieren. Durch geschickte Manöver, die eine (kontrollierte) Veränderung in der Bewegung oder der Richtung erfordern, eröffnen sie neue Wege für die Betrachtung des menschlichen Körpers und seiner Beziehung zur Welt.
Nikola Dietrich
Kuratorin der Ausstellung KölnSkulptur #11
Neue Positionen in dieser Ausstellung
| Olga Balema | Loop 1A, Loop 34A, Loop 15A, Loop 7A, 2024 |
| Marte Eknæs | Insides, 2024 |
| Julian Göthe | Within the realm of a dying sun, 2024 |
| Judith Hopf | Untitled (Pointing Hand 3), 2017 Untitled (Tongue Rolling – Outdoor), 2024 |
| Paulina Olowska | Pavilionesque Kiosk, 2024 |
| Georgia Sagri | Sitting with my Breath, 2024 |
| Frances Scholz | Earth Wall (Pandora’s Box, Silver Arm, Stone Hugger), 2024 |
| Peter Wächtler | Ärztehaus, Schöffengericht, Atrium, 2024 |
Positionen aus vorherigen Ausstellungen:
| Mary Bauermeister | Rübezahl, 2020 |
| Tom Burr | No Access: cluster one (B, D, E, I, M), 2015/2017 |
| James Lee Byars | Untitled (Sigmund Freud), 1989 |
| Nina Canell | Power (Powerless), 2013 |
| Edith Dekyndt | The Fences, 2015 |
| Bogomir Ecker | Ohr, 1986 |
| Ayşe Erkmen | Lonesome George, 2020 |
| Fischli/Weiss | Garten, 1997/1999 |
| Sou Fujimoto | Garden Gallery, 2011 |
| Dan Graham | Greek Cross Labyrinth, 2001 |
| Lena Henke | The Doors, 2013 |
| Jenny Holzer | Ambition is just …, 1997 |
| Leiko Ikemura | Katzenmädchen mit rhein-Blick, 1999 |
| Anish Kapoor | Untitled, 1997 |
| Stefan Kern | Ohne Titel (Tribüne), 1996 |
| Hubert Kiecol | Rheinwein, 2011 |
| Klara Lidén | Harvest Moon, 2013 |
| Dane Mitchell | Post hoc, 2019/2020 |
| Jorge Pardo | Tomatensuppe, 1997 |
| Mandla Reuter | Der Park, 2011 |
| Ulrich Rückriem | Ohne Titel, 2001 Granit, schwarz, Schweden, gespalten, geschnitten, geschliffen, 1986 |
| Michael Sailstorfer | Hoher Besuch – Köln, 2009 |
| Karin Sander | Paradise 231, 2013/2015 |
| Thomas Schütte | Weinende Frau, 2011 |
| Andreas Slominski | Der Parkplatz, 2007 |
| Mauro Staccioli | Untitled, 1999 |
| Mark di Suvero | Racine du Naos, 1996 |
| Rosemarie Trockel | L’Arc de Triomphe (Der armselige Baum/Die Zuwenignis), 2006 |
| Simon Ungers | Monolith, 1999 |
| Bernar Venet | Four Arcs of 235,5°, 1999 |
| Bernard Voïta | Green Memories, 2011 |
| Paul Wallach | Ring-Around, 1999 |
| Lois Weinberger | Spur, 2015 |
| Martin Willing | Quadratschichtung, zweiachsig, wachsend, 1999/2000 |
| Trevor Yeung | Two Reliers, 2020 |
| Heimo Zobernig | Spartakus Catering, 1998/2001 |
